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Wird die Schweizer Politik emotionaler? Erkenntnisse aus 180.000 Parlamentsreden

Emotionale Muster in Schweizer Parlamentsdebatten: Eine NLP-Analyse

Eine Forschungszusammenarbeit zwischen einem Studierendenprojekt der Universität Zürich und DemoSquare.

Die Schweiz ist bekannt für ihre direkte Demokratie, Neutralität und das Konkordanzsystem. Forschung hat einen Anstieg von Emotionalität und Polarisierung in Frankreich, den USA, dem Vereinigten Königreich und der EU festgestellt. Wie hat sich die Schweiz im Vergleich dazu entwickelt? Wir haben mehr als 180.000 Reden aus dem Schweizer Parlament mit Natural Language Processing (NLP) analysiert und dabei das multilinguale ParlaCAP-Modell zur Klassifikation der Themen, sowie GPT-4o-mini für die Emotionsanalyse verwendet. Dies ermöglicht eine einheitliche und gleichzeitige Untersuchung von thematischem Inhalt und emotionalem Ton in deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Debatten. Für die Beurteilung der Emotionalität der Reden wird zunächst zwischen rational und emotional Unterschieden, bevor wir die als emotional klassifizierten Reden weiter in acht Dimensionen differenzieren: Wut, Hoffnung, Enthusiasmus, Angst, Freude, Traurigkeit, Stolz und Ekel.

Nach einem anfänglichen Rückgang in den frühen 2000er-Jahren ist die Emotionalität im Nationalrat seither angestiegen, weist mit einem Anstieg von 3,7 Prozentpunkten zwischen dem ersten und dem jüngsten Vierjahresdurchschnitt (von 17,9 % auf 21,6 %) jedoch eine weit weniger dramatische Veränderung als die verglichenen Parlamente auf.

Die SVP ist die treibende Kraft dieser Entwicklung: Der Anteil ihrer als emotional klassifizierten Reden hat sich beinahe verdoppelt und stieg von rund 16 % in den Jahren 2000–2005 auf 29 % in den Jahren 2020–2025 – ein relativer Anstieg von +76 %. Innerhalb ihrer emotionalen Reden weist die SVP ein ausgeprägtes Profil auf: Wut dominiert (73 %), weit vor Begeisterung (16 %), und sie ist die einzige Partei, in der Angst konstant über Hoffnung steht. Bei den Grünen hingegen ist die Emotionalität um etwa ein Drittel zurückgegangen (von 39 % auf 29 % der Reden); sie haben sich einem stärker deliberativen Stil zugewandt. Die FDP bleibt auf niedrigem und stabilem Niveau (rund 10 %), während SP und Mitte moderate Zuwächse verzeichnen (+25 % bzw. +17 % in relativen Werten). Ein häufig übersehener Befund: Wut ist nicht das Monopol der SVP – sie dominiert auch bei SP, Grünen und FDP (zwischen 52 % und 59 % der emotionalen Reden). Einzig bei den Grünliberalen überwiegt die Begeisterung (42 %) die Wut (38 %).

Wut steht in den meisten Parteien an erster Stelle, Begeisterung folgt im Ratssaal dicht dahinter. Über die parteipolitischen Muster hinaus zeigen die Daten auch deutliche Geschlechterdynamiken. Männer äussern verstärkt Emotionen zu internationalen Angelegenheiten und Migration, während sich Frauen emotional stärker bei sozialer Wohlfahrt, Gesundheit und Arbeit engagieren. Bürgerrechte lösen bei beiden Geschlechtern stärkere emotionale Reaktionen aus als jedes andere Thema.

Internationale Krisen erzeugen ein direktes emotionales Echo. Während der Pandemie und des Ukraine-Kriegs nahm die angstbezogene Sprache spürbar zu. Der Ständerat erzählt im Vergleich zum Nationalrat durchgehend eine ruhigere Geschichte: Emotionale Rhetorik liegt dort bei etwa der Hälfte des Nationalratsniveaus. Sie stieg von 7,5% (1999–2003) auf 9,8% (2020–2024), verglichen mit 17,9% und 21,6% im Nationalrat. Dort dominiert über die meisten Parteien hinweg Enthusiasmus statt Wut.

Auch die institutionelle Rolle der Redenden prägt die Rhetorik. Der Wechsel in den Bundesrat korreliert mit einer Verringerung der emotionalen Intensität und Frequenz. Bei den aktuellen Bundesräten und Bundesrätinnen sank der emotionale Anteil der Reden nach dem Eintritt in den Bundesrat von durchschnittlich 56% auf 25%. Jüngere Parlamentarier/-innen sind zudem emotionaler: Diejenigen, die nach 1980 geboren wurden, weisen mit 26,6% den höchsten Anteil aller Kohorten auf (im Vergleich zu 15,9% bei denen, die in den 1940er-Jahren geboren wurden). Ob dies einen Generationeneffekt oder einen Altersfaktor widerspiegelt, bleibt jedoch unklar.

Indem diese Analyse die emotionalen Strategien beleuchtet, die den parlamentarischen Debatten zugrunde liegen, trägt sie zu mehr Transparenz in demokratischen Prozessen bei. Zu verstehen, wie Emotionen strategisch eingesetzt, von externen Krisen beeinflusst und durch institutionelle Rollen moduliert werden, hilft dabei, einen tieferen Einblick in die Kräfte der politische Entscheidungsfindung zu erlangen. In einer Zeit, in der das Vertrauen in die Demokratie zunehmend unter Druck steht, stellt diese Transparenz einen entscheidenden Schritt hin zu einem besser informierten und engagierteren Volk dar.

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